Natalia Huser 2009

Eva Scharrer 2009

Text in English Sibylle Omlin 2008

Jurybericht Kunstkredit Basel-Stadt 2006

Basler Zeitung Kulturmagazin, Karen N. Gerig, 2. Februar 2006

Kunsthalle Basel, Regionale 2006

Annemarie Monteil 2006

Maja Wismer, 2005

Cornelia Dietschi, Leiterin Kunstsammlung Roche, 2005

Kunstbulletin 12. 2004, Simon Baur

Aargauer Kuratorium, Jurybericht 2004

Rede von Claudia Pantellini, Rathaus Aarau 2004

Basler Zeitung, Agenda Dez. 2003, Alexander Marzahn

 

 

 

Es ist ein langsamer, nachdenklicher und melancholischer Blick, der die Bildoberfläche der grossformatigen Aquarelle von Thomas Hauri abtastet. Er dringt in düstere und diffuse Innenräume, die allesamt den Anschein stillgelegter Bauten haben; ihrer Funktion längst enthobene Ruinen. Unbehagen stellt sich ein. Die Menschenleere rückt ins Bewusstsein. Dabei realisieren wir, dass Thomas Hauri in seinen Arbeiten keine bewohnbare Architektur imitiert, sondern Raumstrukturen zeichnet, die der Fantasie entliehen wurden und aufgrund ihrer perspektivischen Konstruktion in der Realität nicht bestehen könnten. Thomas Hauri arbeitet ohne Vorlagen, sondern entwickelt seine Gebilde in einer prozesshaften Herangehensweise und lässt dabei apokalyptisch anmutende Stimmungsbilder entstehen. Vieles entspricht einer intuitiven Arbeitsweise, was durch die Unmittelbarkeit des Mediums unterstützt wird. Fragen nach formalästhetischen Möglichkeiten begleiten den Entstehungsprozess und können dazu führen, dass bereits gezeichnete Bildideen verworfen und wie beispielsweise in "Ohne Titel" (2008) durch ein schwarzes Rechteck verdeckt werden. In seinen Aquarellen, die aufgrund ihrer Grösse jeweils in der Vertikalen zusammengesetzt sind, zelebriert Thomas Hauri eine farbliche Reduktion, indem er sich hauptsächlich auf Grautöne konzentriert. Damit wird eine Angleichung an das Baumaterial Beton erreicht, welches Trostlosigkeit und Kargheit suggeriert, gleichzeitig aber auch für Festigkeit und "Ewigkeit" steht. Als Kontrast gelingt ihm durch die formale Flüchtigkeit eine Entmaterialisierung der inhaltlichen Ebene. Die alles überdauernde Architektur scheint sich aufgrund ihres hauchdünnen Farbauftrags aufzulösen und besticht durch eine geisterhaft-magische Aura.

 

Natalia Huser

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Der Ausgangspunkt von Hauris Arbeiten ist Architektur. Innen- und Aussenräume, leer stehende Industriehallen oder Fassaden (post-)modernistischer Sozialarchitektur bieten die Grundlage für immer abstrakter werdende Kompositionen, in denen Überlagerung, Verschachtelung und letztendlich die komplette Übermalung des Ursprungsmotivs immer neue, malerische Bildräume erzeugt.

Thomas Hauris Medium ist das Aquarell – eine Technik, die kaum Korrekturen erlaubt, und in der kontinuierlichen Übermalung letztendlich zu einer Auslöschung des Motivs führt. Gleichzeitig bewegt sich die Arbeit im Spannungsfeld zwischen Zeichnung und Malerei. Der Arbeitsprozess des Künstlers offenbart sich in einer Serie von kleinformatigen Zeichnungen, denen meist eigene Fotografien im Ink-Jet Print zugrunde liegen, und die dann mit Bleistift, Gouache oder Aquarell bearbeitet wurden. Hier erkennt man die Details, die Hauri weiter verarbeitet: in die tiefe gehende Strassen- und Raumfluchten mit rhythmischen Fensterreihen, Plattenbauten, Kassettendecken. Es ist eher die banale Struktur, ihre perspektivische „Umkippbarkeit“ (konkav-konvex, Drauf- oder Untersicht), als deren historische Bedeutung, die Hauri bei seinen Motiven interessiert. Durch die malerische Überarbeitung werden diese wieder zurück in die Fläche geholt, werden fragmentiert, malerisch abstrahiert, beinahe ausgelöscht – und sind doch immer noch entfernt präsent.

Die neuen Aquarelle sind fast gänzlich abstrakt, ihr architektonischer Bezug kaum noch zu erahnen. Dennoch haben sie in ihrer Flächigkeit etwas Körperhaftes. Farbfeldmalerei – etwa im Dripping der Farbe und in den lasierenden Verläufen – sowie minimalistische Skulptur klingen gleichermassen an. Sie bestechen durch die Amivalenz zwischen der Fragilität der Zeichnung, der Durchlässigkeit des Aquarells, und der reduzierten Farbgebung in dunklen Grau-, Braun- und Schwarztönen, die eine gewisse Schwere hat – im Kontrast zu den früheren, zarten, fast durchsichtig weissen Aquarellen .

Gerade in dem Grossformat Ohne Titel (170x225 cm) erhebt sich das architektonische Detail zugleich schwer und schwebend, nicht Fläche, nicht Körper - wie ein mysteriöser landender Monolith aus dem Nichts mit grosser Erdanziehungskraft.

 

Eva Scharrer, Mai 2009

 

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The subjects of Thomas Hauri’s monumental water colours are cityscapes, industrial plants, the interiors of prestige buildings and shopping centers. He finds his motifs mainly in the urban area or in industrial zones, be it in Basle, Paris or Berlin.

The architectural motifs outline dimly rooms in many-faceted grey or grey yellow shades. Only in a few places the artist apply discreet colour and thereby mark forms standing out from the rest of the space.

In Interieurs, architectural elements are grouped in such a way that it is not possible to tell with certainty whether they represent a spatial ordering or a two-dimensional coexistence. In his painting, the artist removes the architectural elements from their context and uses them as abstract forms. True, the lines of the buildings remain recognisable, but can nevertheless easily mutate into a loose sting of right-angles and straight lines.

The often gigantic size of the buildings painted demands a large format. Just as the perspective warps in the enourmous buildding complexes, so volatile in places is the application of colour. Instead, the attention is drawn to watercolour as the medium employed and the physical reaction of the paper. The dematerialisation of the buildings through the watercolor technique – which for example in the subject of the former Nazi seaside resort of Prora, on the Baltic island of Rügen, he drives to almost total colourlessness – however, is not aimed at making the architectural form unclear. The artist displays the highest precision in the portrayal of the parameters of the buildings. Reconstructed with the precision of a draughtsman, the facades with impersonal rows of windows, acquire an air of unreality through the loss of substantiality. The oppressive uniformity is robbed of its weight and power. With painterly sensitivity, what is achieved is a transformation into bright light, to ostensible lightness.

However, in the painting series on Prora, the lightness of colour does not stand for anything cheerful. In Thomas Hauri’s works, bright light often means stopping, congealing, or holding one’s breath, and thus, too, a feeling of the uncanny. This is what encounters with ghosts might feel like, or even just with the atmospheric incongruities of these monumental buildings.

A powerful gesture in the more recent works is the splitting of the format into two. The artist contracts the fragility of the watercolour and its colourfulness with the hard edges of the paper, which cut the painted area in two in the middle and thereby produce their own depth.

 

Sibylle Omlin

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Die beiden grossformatigen Aquarelle von Thomas Hauri haben die Jury durch ihre Wechselwirkung zwischen Malerei und Zeichnung, ihre starke physische Präsenz sowie die Auseinandersetzung mit Auflösung und Ordnung sehr beeindruckt. Hauri, der seit Langem mit Aquarell arbeitet, scheint die möglichen Varianten seines Themas - die vermeintlich klare Architektur, in der Unsicherheiten eingewebt sind - konsequent weiter zu treiben. Auch die Kombination von zwei sehr verschiedenen Zeichnungen hat der Jury gut gefallen. Das Bild Ohne Titel, in Schwarztönen gehalten, wirkt mit den Aufsätzen abstrakter Formen schwer und unheimlich; ein Hinweis, dass sich die Helligkeit des Intérieur II in einem anderen Zustand verdunkeln und die Fragilität verloren gehen könnte. Da Hauri mutig die Kombination von Aquarell und Pastellfarben im Grossformat weiterentwickelt, riskiert er auf spannende Weise auch das Scheitern.

 

Jurybericht Kunstkredit Basel-Stadt 2006

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Auf Strukturen reduziert

 

Prora ist kein malerischer Ort. Das „Kraft durch Freude“ - Seebad, von der nationalsozialistischen Regierung 1936 in Auftrag gegeben, 4,5 km lang und nie fertiggestellt, beeindruckt höchstens durch die Menge an Beton, die dafür verarbeitet wurde. Für den Künstler Thomas Hauri war die sozialhistorisch interessante, aber wenig ansehnliche Anlage ein reicher Fundus. Hauri fotografiert, reduziert und malt, was an abstrakter Form übrigbleibt. Für Prora bedeutet dies Konturen von Türen und Fenstern. Das Gebäude an und für sich verschwindet, macht Allgemeingültigkeit Platz. Nur der Titel verweist auf den Ort – und in diesem Fall auch auf eine Epoche.

Farbe benutzt Hauri kaum. Fast schon Weiss auf Weiss malt der 31-jährige seine Bilder - derart zart, dass das Gemalte mancherorts nur sichtbar wird, weil das Wasser das Papier in Wellen geworfen hat. Was früher ein Gebäude war, ist nur noch Schatten seiner selbst. In den neuesten Werken aber holt der in Basel wohnhafte Künstler dunklere Schattierungen hervor. Damit malt er Innenräume und rückt auch darum ab von seinem gewohnten Werk. Es scheint, als hätte das Seebad seine Pforten geöffnet und den Maler mitten hinein in seine düstere Vergangenheit gesogen. Ein Vorteil für Hauri, denn für einmal bleibt auch seine feine Technik nicht im Nebel verborgen.

 

Basler Zeitung Kulturmagazin, Karen N. Gerig, 2. Februar 2006

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Thomas Hauris grossformatige Aquarelle entwerfen einen architektonischen Raum, der konstruiert ist, als würde er über die Ränder ausgreifen. Um die BetrachterInnen werden architektonische Elemente gruppiert, von denen nicht mit Sicherheit behauptet werden kann, ob sie eine Ordnung oder ein Chaos etablieren. Genauso wenig lässt sich klar entscheiden, ob dieser Raum wie ein Organismus zu wachsen scheint oder gerade im Begriff ist, sich aufzulösen. Das grossformatige Aquarell Intérieur II, dessen Vorlage ein Einkaufszentrum in Kanada ist, skizziert einen schemenhaften Raum in facettenreichen Grauabstufungen. Nur an wenigen Stellen setzt der Künstler dezent Farbe ein und markiert damit sich vom übrigen Raum abhebende Formen.

 

Kunsthalle Basel, Regionale 2006

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Alles beginnt mit Schauen, mit genauem hellwachem Schauen. Was nun aber Thomas Hauri von seinen Seh-Streifzügen mit nimmt, sind nicht die allbekannten Sehens-Würdigkeiten, sondern das von den meisten Menschen lieber Übersehene. Während eines Studienaufenthaltes in Berlin faszinierten ihn nicht Schloss Potsdam und die Villenviertel, er fotografierte seine Umgebung: banale Wohnhäuser, DDR-Plattenbauten. Seit einigen Jahren lebt er in Basel, das Atelier ist in der Nähe der grossen Chemiegebäude, die zu Motiven geworden sind. Mit Aquarell hält Thomas Hauri die Fassaden und Baukörper fest, und dies auf bis zu vier Meter breiten Papieren, perfekt in Komposition und Exaktheit. Die Umgebung ist leer von Autos, leer von Menschen. Nicht genug: hellste Aquarellfarbe gibt den Stadtansichten etwas Ungreifbares. Vor diesen Bildern ist rasches Weitergehen nicht möglich. Die Zeit scheint ihren Lauf anzuhalten, als übertrage sich etwas von der Geduld des über Wochen an einem Bild Arbeitenden auf die Betrachter. Ungezählte Schichten transparenter Farbe verlangen absolute Konzentration, Fehler sind nicht korrigierbar.

In den Bannkreis wurden auch die Mitglieder der Rentsch-Stiftung gezogen, als sie 1999 im Atelier von Thomas Hauri standen. Die Bilder waren schon damals zurückhaltend in Gestus und Farbe, aber noch dunkler. «Man spürte eine tiefe Ernsthaftigkeit», erinnert sich Stiftungsrätin Madeleine Schüpfer. Die Ernsthaftigkeit ist geblieben, gepaart mit formaler und denkerischer Konsequenz. Das damalige Bild – ein Schaukasten im anatomischen Museum – war kein unverbindliches Vorspiel. Streng in der Komposition, geht es um Fragen der Vergänglichkeit, des Entschwindens. Um Fragen, die Thomas Hauri beschäftigen, die ihn bis an die Grenzen des Gerade-noch- Sichtbaren treiben. Dass er Entmaterialisierung nicht durch Verwischen oder Verunklären von Form und Mittel erreicht, sondern höchste Präzision beibehält, ist das Besondere. Die bauzeichnerisch durchaus realen Fassaden mit den unpersönlichen Fensterreihen erhalten durch den Verlust der Stofflichkeit etwas Irreales. Der erdrückenden Uniformität werden Schwere und Mächtigkeit genommen. Mit malerischer Sensibilität gelingt eine Verwandlung ins Lichte, scheinbar Leichte. Allerdings steht hier Helligkeit nicht für Heiteres. Licht bedeutet bei Hauri Anhalten des Atems, Unheimlichkeit. So können Begegnungen mit Gespenstern sein, man sieht ein Gegenüber – und greift ins Leere. Deshalb sind auch Worte vor diesen Bildern, man müsste eher sagen vor diesen Räumen, rasch zu plump. Worte wollen Zustände benennen, deren Geheimnis es ist, sich nicht fixieren zu lassen. Was entsteht, ist ein Hinundher zwischen Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrem Verschwinden. Aber gerade dann, wenn alles zu entgleiten droht, entdeckt das Auge feinste Wellenstrukturen im Papier, entstanden durch die Wasserfarbe. Materie wird greifbar. Wieder ein Spiel, jetzt zwischen Sinnlichkeit und Askese, Auge und Geist. Bilder von Thomas Hauri verlangen Aufmerksamkeit, um wahrgenommen zu werden. Wo finden tiefe Stille und spröde Poesie noch Raum in einer Welt, die immer lauter und bunter geworden ist? Heftige Farben und attackierende Töne scheinen die geeigneten Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Hier sei erlaubt, einen Moment zurück zu denken: Vor zwanzig Jahren machte der grosse philosophische Schriftsteller Italo Calvino «Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend». Zu den sechs (bedrohten) Eigenschaften, die ins nächste, ins 21. Jahrtausend hinüber zu retten seien, zählte Calvino«Genauigkeit» und «Leichtigkeit». Zur Genauigkeit gehören für ihn «die Nuancen des Denkens und der Phantasie», unter Leichtigkeitversteht er nicht «die Leichtigkeit der Frivolität», sondern «die Leichtigkeit der Nachdenklichkeit». Die Bilder von Thomas Hauri retten in sehr eigener Form etwas von dieser Präzision und Nachdenklichkeit in unsere lärmigen Tage.

 

Annemarie Monteil 2006

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Thomas Hauri malt grossformatige, perspektivische Ansichten von wirtschaftlichen und staatlichen Repräsentationsbauten in Aquarell auf Papier. Die menschenleeren Darstellungen konzentrieren sich auf formale Aspekte; weder konkrete Funktion noch Ort spielen eine Rolle. Hauri sucht die Gebäude auf und fotografiert sie. Meist dienen diese eigenen Bilder als Vorlage. In weiteren Arbeitsschritten löst er die architektonischen Elemente aus ihrem Kontext und benutzt sie als abstrakte Formen. Bei der Übertragung auf Papier bleiben die Gebäudefluchten wahrnehmbar, können jedoch leicht zu einer losen Anreihung von Rechtecken und Geraden mutieren.
In der Galerie Gisèle Linder sind sieben Arbeiten zu sehen, die alle um denselben Gebäudekomplex kreisen: Prora, das KdF-Seebad gigantischen Ausmasses auf Rügen, welches von der nationalsozialistischen Regierung 1936 in Auftrag gegeben und wegen Kriegsanbruch rohbaufertig hinterlassen wurde. Prora 3 bzw. 5, die beiden grossformatigen Arbeiten, welche im ersten Raum der Galerie gezeigt werden und deren symmetrische Hängung Elemente der Architektur aufnehmen, bringen durch ihre Titel den Bezug zur realen Vorlage unmissverständlich ins Spiel. Damit wird die bis anhin gepflegte ‚Ortslosigkeit' der jeweiligen Architektur aufgehoben und die Arbeiten werden mit einer realen Vergangenheit belastet. So wie sich der riesige Gebäudekomplex durch den stellenweise kaum sichtbaren Farbauftrag verflüchtigt, entziehen sich die Möglichkeiten einer konkreten Interpretation. Stattdessen treten das verwendete Medium und die physische Reaktion des Papiers in den Vordergrund.
Erstmals zeigt Hauri ein Bild, welches als negative Umkehrung der bis anhin entstandenen Arbeiten bezeichnet werden könnte: Statt einer Aussenansicht, ein Intérieur, welches jedoch ebenso anonym und auf seine Formen reduziert bleibt. Anstelle einer Auflösung des Motivs durch graduelle Reduktion des Farbauftrags manifestiert der Innenraum seine Präsenz durch starken Gestus und dunkle Grautöne. Zusätzlich sind in der Ausstellung sechs kleine Studien zu sehen, welche Hauris Interesse an Form und Abstraktion bezeugen sowie zusätzlich die Verbindung zur realen Vorlage, Prora auf Rügen, unterstützen.


Maja Wismer, 2005

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Thomas Hauri malt in anspruchsvollen Grossformaten eindrückliche Stadtansichten und Industrieanlagen. Seine Motive findet er hauptsächlich im städtischen Raum und in der Industriezone; sei dies nun Basel, Paris oder Berlin. Grossflächige Fassaden und unterschiedlich grosse Gebäudekörper, die zueinander in einem bestimmten Spannungsverhältnis stehen, interessieren ihn besonders stark.

Thomas Hauri gibt seinen Bildern keine Titel. Es scheint nicht wichtig zu sein, die Örtlichkeit genau benennen und lokalisieren zu können. Ebenso spielt es keine Rolle, ob sich das Dargestellte in der Schweiz, in Frankreich oder Deutschland befindet. Ginge es dem Künstler um eine dokumentarisch genaue Aufzeichnung, würde er Fotografien herstellen. Obwohl er oft mit fotografischen Vorlagen arbeitet, nimmt er sich bei der Umsetzung künstlerische Freiheiten heraus und erarbeitet eine neue, nicht abbildungsgetreue Wahrheit. Die neue Abbildungswahrheit findet ihre Bezugspunkte innerhalb des Bildes selbst. Im Vergleich zu den Fotos lässt er beim Malen weg, vereinfacht oder fast zusammen. Dies zeigt, dass sich Hauri mit künstlerischen Fragestellungen beschäftigt, die über das rein Dokumentarische hinauszielen. Sein Anliegen ist eine gültige Antwort zu finden auf prekäre künstlerische Fragen wie Gegenständlichkeit und Abstraktion, Setzung und Aussparung, Verdichtung und Auflösung. Die Experimentierfreude des Künstlers offenbart sich nicht nur im innovativen Umgang mit der Technik, sondern auch auf inhaltlicher Ebene. Die Gebäudegruppen balanciert er kompositorisch beeindruckend zwischen Gegenständlichkeit, Abstraktion und Leere aus.

Die Aquarelltechnik ist ein herausforderndes Medium. Einerseits, weil sie keine Korrekturen zulässt und jeder Pinselstrich exakt sitzen muss. Das Beabsichtigte muss auf Anhieb gelingen. Unterlaufen Fehler, sind diese sofort sichtbar und das Blatt läuft Gefahr, zu misslingen. Andererseits stellen die grossformatigen Aquarelle eine Herausforderung dar, weil nichts dem Zufall überlassen werden kann. Die Kompositionen müssen minutiös vorgeplant und präzise umgesetzt werden, dies erfordert viel Vorstellungskraft und absolute Beherrschung der Technik.

Faszinierend ist die starke Präsenz der auftauchenden Gebäudekomplexe, obwohl sie nur ganz zart und subtil farbig gehalten sind. Sie markieren zwar Anwesenheit, lösen sich aber gleichzeitig wieder auf und entschwinden in einem undefinierten Raum. Mächtige Architekturen werden mit grosser Feinheit und scheinbarer Leichtigkeit in ein poetisches Ganzes verwandelt. Trotzdem bleibt unterschwellig ein leicht unheimliches Gefühl. Die Industrieanlagen sind menschenleer.

 

Cornelia Dietschi, Leiterin Kunstsammlung Roche, 2005

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Beim Aquarell sind Korrekturen jederzeit sichtbar. Dadurch wirkt es sehr unmittelbar, kann jedoch mit einer Pinselbewegung zu viel auch leicht misslingen. Thomas Hauri (*1974) malt vorwiegend Stadtansichten und Industrieanlagen. Dabei ziehen ihn besonders die grossflächigen Fassaden an. Aus Fotografien entwickelt er abstrahierende Arbeiten. Ihn interessiert die Orientierungslosigkeit, welche diese Fassaden, als eine Anhäufung von Rechtecken, aufweisen. Sie bieten dem Auge keinen visuellen Halt, an dem es sich orientieren kann. Bei den neueren Arbeiten hat Thomas Hauri sowohl mit dem Medium, als auch inhaltlich experimentiert. Dabei hat er das Wasser als prägendes Material eingesetzt und gleichzeitig auch mittels bemalter und leerer Flächen subtile Schwankungen im Bildgefüge zu erreichen versucht. So erhalten Thomas Hauris aquarellierte Stadtmodelle der Zukunft neben ihrem poetischen auch einen exakt kalkulierten Charakter.

 

Kunstbulletin 12. 2004, Simon Baur

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Thomas Hauri, der in Basel die Hochschule für Gestaltung und Kunst besuchte, präsentiert der Jury drei grossformatige Aquarelle auf Papier (je ca. 240 x 380 cm). Diese zeigen in einer stilisierten Bildsprache modernistische Grossstadtarchitekturen, unterschiedlich verdichtete Gebäudegruppen oder Aussichten auf anonyme Hochhauslandschaften, in derer räumlicher Struktur sich der Blick zu verlieren droht. Stets jedoch fehlt der Mensch, der diesen Architekturen einen Massstab verleihen würde. Obwohl die Blätter auf den ersten Blick wie vergrösserte Architektur- oder Bauzeichnungen wirken, offenbaren sich bei genauer Betrachtung durchaus autonome bildnerische Strukturen, die mittels Leerstellen oder zwischen Raum und Fläche oszillierenden Bildelementen die Konventionen der Architekturdarstellung subtil unterlaufen. Zu überzeugen vermochte neben dem durchaus gekonnten Umgang mit dem anspruchsvollen Grossformat auch die in den verlassenen Architekturen und der strukturellen Leere der Zeichnung leise anklingende Kritik an den urbanistischen Utopien der Moderne.

 

Aargauer Kuratorium, Jurybericht 2004

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Fenster, ganz viele Fenster, geschätzte Anwesende, blicken uns aus den Aquarellen von Thomas Hauri entgegen- blicken wir zurück, wird uns aber der Durchblick verwehrt; was hinter diesen Scheiben vorgehen könnte, ist nicht das Thema. So verweilen wir auf dieser Oberfläche, gehen mit diesen Reihen, folgen den Linien und stellen bald einmal fest, dass das, was wir so vorschnell als Fenster identifizierten, eigentlich eine Abfolge von Quadraten oder Rechtecken ist, die nunmehr als Farbflächen wahrgenommen werden. Die Fassade des Gebäudes wird plötzlich als strukturiertes Geflecht von Linien gelesen, das Gebäude selber als ein durch Fläche konstituierter Körper: Wir sehen ein Haus und es ist aber Malerei: auf diese Formel liesse sich diese Art der Erfahrung bringen.

Es ist keine Trompe l’oeil Malerei Thomas Hauris, die uns Fenster vorgaukelt, wo keine sind. Vielmehr installiert sie ein Kippmoment zwischen naturalistischer Darstellung und Abstraktion: in dem sozusagen die künstlerische oder besser: künstliche Konstruktion des Bildes sichtbar gemacht und erfahrbar wird, wie sehr wir uns selbst das Bild konstruieren und unsere konditionierte Wahrnehmung aus per se abstrakten Elementen sich buchstäblich ein Gebäude zimmert.

Dieser Umstand ist natürlich wahrnehmungspsychologisch begründet und insofern vielleicht sogar banal- ihn in der Malerei fruchtbar zu machen und dies die Betrachterin, den Betrachter spüren zu lassen, indessen eine grosse Herausforderung.

Thomas Hauri geht von real existierenden Objekten aus, auch wenn der reale Sozialismus, während dem die dargestellten Plattenbauten am Alexanderplatz in Berlin gebaut wurden, tatsächlich nicht mehr existiert. Die Fotografien dieser Gebäude sind die Vorlagen, nach denen Thomas Hauri seine Bilder komponiert: Man muss sich vorstellen, dass Thomas Hauri- eigentlich wie ein klassischer Maler- mit den Komponenten Perspektive, Räumlichkeit und Licht ringt. Die architektonische Darstellung ist in sich absolut stimmig. Hauri reduziert aber die malerischen Mittel und modelliert die weisse, leere Fläche des Papiers mit- sie wird zum Lichtträger, auf subtilste Weise von zarten Pastellen unterstützt. Die Zartheit des Aquarelles- eine zugegebenermassen eher verpönte Gattung, die aber hier eine absolut zeitgemässe Auffrischung erfährt- deren Zartheit und Finesse also, steht aber in keinem Kontrast zur Massigkeit der Architektur. Es sind dies ja alle mehrstöckige, in sich verschachtelte Gebäudekomplexe. Diese selbst werden zu einer fast schon flüchtigen Erscheinung- fassbar und doch nicht fassbar. Die Konturen scheinen- vor allem in den ganz grossen Blättern- am Horizont zu verschwinden oder sich in einem seltsam diffundierenden Licht zu verlieren- eine Geisterstadt möchte man meinen. In all diesen Gebäuden fehlt ja jemand ganz augenfällig. Der Mensch, der darin wohnte, arbeitete, wie auch immer präsent sein könnte. Die Gebäude sind dem urbanen Strom enthoben, kein Verkehr umfliesst sie, nichts und niemand haucht ihnen Leben ein. Solcherart situativ ungebunden, wirken sie ganz zeitlos. Unverrückbar und unantastbar sind sie die Stein gewordenen Symbole für eine politische oder ökonomische Macht, die sich damit nach aussen repräsentiert und materialisiert.

Nicht von ungefähr interessiert sich Thomas Hauri für Architektur- wie erwähnt die Plattenbauten in Berlin oder auch die Industriebauten der Syngenta und Novartis in Basel- die den Stadtraum durch ihre Monumentalität prägen und Mächtigkeit nicht nur durch ihre puren Ausmasse vermitteln. Diese „leere“ Architektur scheint selbst schon in ihrem Repräsentationsanspruch ganz entleert. Obwohl kaum 30 oder 40 Jahre alt, wirken sie wie Relikte einer lang vergangenen Zeit. – Oder sind eine hohle Pathosformel der Urbanität, ein Zeichen der in jüngster Zeit konstatierten Entvölkerung der Städte? Still wirken sie, diese Architekturen und ihre- vielleicht fast schon unheimliche Wirkung- entfaltet sich langsam- lassen sie sich darauf ein, geschätzte Anwesende.

 

Rede von Claudia Pantellini, Rathaus Aarau 2004

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Im Schleier

Man muss sein Herz wohl an die Sonnenallee verloren haben oder ein verkappter Rotarmist sein, will man den DDR- Plattenbauten so etwas wie sinnlichen Charme abgewinnen. Nun, der in Basel lebende Künstler Thomas Hauri ist weder das eine noch das andere, und als er während eines Berlin- Aufenthalts begann, die Wohnbunker mit Bleistift zu zeichnen und mit Aquarellfarbe zu kolorieren, tat er dies mit einer malerischen Fragilität und subtilen Sinnlichkeit, die sich wie ein stiller Schleier über das reizlose Objekt legt.

Bei aller perspektivischer Formstrenge durchbricht auf warmem Büttenpapier die Transparenz des Aquarells die Hermetik der kalten Fassade, während sich die Szenerie durch Leerstellen weiter entschleunigt wie durch den geduldigen Malakt selbst.
Heute nimmt der 29 –Jährige Industriebauten in Basel zur Vorlage; er hat die Farbe weiter reduziert, konzentriert sich ganz auf die subtilen Abstufungen des Graus. Grau und geometrisch- kann das ins Auge springen? Es kann. Und springt, mit oder ohne Farbe, so schnell nicht wieder raus.

 

Basler Zeitung, Agenda Dez. 2003, Alexander Marzahn

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